Effekt von Nudging auf den

Gemüsekonsum von Kindern

Bachelor Thesis
Patrik F. Zurlinden
Bachelor of Science Ernährung und Diätetik, 2013 Basel, 26. Juli 2017

Nudging

Nudging wird als Oberbegriff für eine Mehrzahl von Massnahmen verwendet, welche einfache Änderungen in der Gestaltung der sozialen, psychischen und physischen Umwelt beinhalten. Menschen werden ohne Zwang, sondern durch sanftes Stupsen, dazu bewegt ihr Verhalten zu ändern. Auf Verbote und starke Anreize wird verzichtet; stattdessen werden Entscheidungsumwelten vorstrukturiert oder gezielt Informationen vermittelt. Der Begriff «Nudge» erschien 2008 zum ersten Mal in der Literatur. Thaler und Sunstein (2009), zwei Wirtschaftswissenschaftler, haben den Begriff entwickelt und veröffentlichten das Buch «Nudge: Improving decisions about health, wealth and happiness». Der Nudging-Ansatz soll es erleichtern, die Intentions-Verhaltens-Lücken zu überbrücken. Für Thaler und Sunstein bedeutet Nudge das Gegenteil von Verbot oder Befehl. Durch geschicktes Anpassen oder Verändern der Umweltarchitektur wird das Entscheidungsverhalten der Menschen in die gewünschte Richtung gelenkt. Um ökologische oder gesundheitliche Verhaltensänderungen zu erzielen, werden verhaltens- oder verhältnispräventive Massnahmen ergriffen. Diese Massnahmen können sogenannt harte und weiche Instrumente beinhalten. Zu den harten Massnahmen gehören z.B. Alkohol-, Tabaksteuer oder die Deklaration des Nährstoffgehaltes auf den Lebensmittelverpackungen. Zu den weichen Massnahmen gehören alle Arten von Informationsvermittlung und auch alle Massnahmen, die unter Nudging eingeordnet werden können. Eine allgemein gültige, wissenschaftlich exakte Definition von Nudging gibt es nicht. Durch die Bearbeitung der Literatur wäre aus Sicht des Autors dieser Arbeit eine mögliche Definition:

"Durch Veränderung und Anpassung der Entscheidungsumgebung wird automatisch die erwünschte (gesündere) Wahl ermöglicht und gefördert, ohne ein Verbot auszusprechen oder die Entscheidungsfreiheit einzuschränken."

Zentrale Merkmale eines Nudges sind: die Entscheidungsfreiheit, der Verzicht auf starke Anreize und die Transparenz. Damit Nudging sich von Manipulation unterscheidet, muss die freie Wahl erhalten bleiben, das Interventionsdesign transparent, die Ziele ethisch korrekt sein und dem individuellen oder sozialen Wohlergehen dienen. (Thaler & Sunstein, 2009) Das Essen und Trinken ist eine stark automatisierte Verhaltensweise. Durchschnittlich entscheidet ein Mensch bis zu 200 Mal pro Tag über das Essen und Trinken hinsichtlich der

Menge und Art. (Lombardini-Riipinen, C., & Lankoski, L., 2010) Somit beinhaltet die Ernährung eine Vielzahl von Einzelentscheidungen, welche jeweils mehrere Möglichkeiten enthalten. Würde jedes Mal bewusst, kontrolliert, orientiert an langfristigen Zielen, sowie gesteuert von unseren Werten und Intentionen entschieden werden, würde eine grosse kognitive Kapazität und Anstrengung benötigt. (Kahneman, 2012) Daher werden die Nahrungsmittel oft unbewusst, intuitiv, gewohnheitsmässig, schnell, impulsiv, spontan, durch Gefühle oder Umweltreize und ohne Anstrengung ausgewählt (Marteau, Hollands, & Fletcher, 2012). Anhand dieser Erkenntnisse kann Nudging eine mögliche Methode zur Förderung eines gesunden Essverhaltens wie auch für die Gesundheitsprävention sein. Zurzeit gibt es wenige Studien, welche Nudging zur Veränderung des Essverhaltens einsetzen. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) hat zwei Studien veröffentlicht, welche die Methode Nudging untersuchen. Eine Studie untersucht die Platzierung von Snacks im Snackautomaten. Daraus ist zu erkennen, dass Snacks häufiger gewählt werden, wenn sie in der Mitte platziert werden. (Keller, Markert, & Bucher, 2015) Die zweite Studie untersucht das Schöpfen an einem Buffet. Das Gemüseangebot wird erhöht und daraus resultiert, dass mehr Gemüse geschöpft wird. (Bucher, Siegrist, & van der Horst, 2014) Van Kleef et al. (2014) hat in holländischen Schulen den Konsum von Vollkornbrötchen untersucht. Durch lustige Tierformen kann der Verzehr der Vollkornbrötchen um das Doppelte erhöht werden. (S.1-10) In der Kita an der Universität von Pennsylvania wurde während vier Wochen der Gemüsekonsum als Vorspeise untersucht. Wenn die Gemüseportion verdoppelt wurde, assen die Kinder doppelt so viel. (Spill, Birch, Roe, & Rolls, 2010) Bei Vorschulkindern in Philadelphia wird die Verdoppelung von Gemüse und Früchten als Beilage untersucht. Der Gemüsekonsum nimmt nicht zu - jedoch der Früchtekonsum um 43%. (Kral, Kabay, Roe, & Rolls, 2010) An einer Primarschule in New York verzehren die Kinder mehr Gemüse, wenn diesen lustige Namen zugeordnet werden. (Wansink, Just, Payne, & Klinger, 2012) In einer weiteren Studie aus New York wurde in sechs Mittelschulen der Früchtekonsum untersucht. Der Konsum von frischem Obst nahm um 71% zu, wenn die Früchte frisch geschnitten und serviert wurden. (Wansink, Just, Hanks, & Smith, 2013) Wenn Gemüse und Obst leicht zugänglich ist und die Präsentation ansprechend gestaltet wird, erhöht sich der Gemüsekonsum um 25% und der Obstkonsum um 18% (Hanks, Just, & Wansink, 2013). Eine weitere Nudging-Massnahme ist, das Salatbuffet in der Mitte der Kantine zu platzieren. Der Verkauf von frischem Salat hat sich innerhalb von zwei Wochen bis zu 300% erhöht. (Smith et al., 2010) Eine Convenience Line mit gesundem Essen, bei der schnell und einfach an der Hauptlinie vorbei gesunde Lebensmittel ausgewählt werden kann, erhöht den Verzehr von gesunden Lebensmittel um 3% (Hanks, Just, Smith, & Wansink, 2012). Wenn gesundes Essen am Anfang der

Essensausgabe präsentiert wird, können 75% der Konsumenten und Konsumentinnen damit beeinflusst werden (Wansink & Hanks, 2013).

Nudging wird immer wichtiger und hat dadurch auch in der Politik an Bedeutung gewonnen. Dabei gibt es nicht nur Befürworter, auch einige kritische Stimmen werden laut. Diese kommen vor allem aus der Industrie und aus der Bildungsforschung. Argumente und Kritikpunkte dieser Parteien sind unter anderem der Vorwurf von Manipulation, der Bevormundung sowie eine kurzfristige Lenkung der Verbraucher, anstelle einer nachhaltigeren Verbraucherbildung. Jedoch werden seit langer Zeit genau diese Kritikpunkte in der Werbung und bei der Präsentation des Sortiments in einem Einkaufsladen eingesetzt. Teilweise wird auch unbewusst durch die Platzierung von Speisen der Konsument und die Konsumentin in der Wahl beeinflusst, leider oft nicht in der gesundheitlich erwünschten Richtung. (Sunstein, 2015) Daher ist es wichtig, dass die Freiheit des Einzelnen nicht eingeschränkt wird und keine Verhaltensvorschriften oder Verbote erlassen werden.

Literatur

Bucher, T., Siegrist, M., & van der Horst, K. (2014). Vegetable variety: an effective strategy to increase vegetable choice in children. Public health nutrition, 17(6), 1232–1236. doi:10.1017/S1368980013002632

Hanks, A. S., Just, D. R., Smith, L. E., & Wansink, B. (2012). Healthy convenience: nudging students toward healthier choices in the lunchroom. Journal of public health (Oxford, England), 34(3), 370–376. doi:10.1093/pubmed/fds003

 

Hanks, A. S., Just, D. R., & Wansink, B. (2013). Smarter lunchrooms can address new school lunchroom guidelines and childhood obesity. The Journal of pediatrics, 162(4), 867–869. doi:10.1016/j.jpeds.2012.12.031

 

Kahneman, D. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken (Dreiundzwanzigste Auflage). München: Siedler. Retrieved from http://www.gbv.de/dms/faz-rez/SD1201212233731747.pdf

 

Keller, C., Markert, F., & Bucher, T. (2015). Nudging product choices: The effect of position change on snack bar choice. Food Quality and Preference, 41, 41–43. doi:10.1016/j.foodqual.2014.11.005

 

Kral, T. V. E., Kabay, A. C., Roe, L. S., & Rolls, B. J. (2010). Effects of doubling the portion size of fruit and vegetable side dishes on children's intake at a meal. Obesity (Silver Spring, Md.), 18(3), 521–527. doi:10.1038/oby.2009.243

 

Lombardini-Riipinen, C., & Lankoski, L. (2010). Take off the heater: Utility effect and food environment effect in food consumption decisions. In 115th Joint EAAE/AAEA Seminar, September 15-17, 2010,

 

Freising-Weihenstephan, Germany (No. 116431). European Association of Agricultural Economists & Agricultural and Applied Economics Association.

 

Marteau, T. M., Hollands, G. J., & Fletcher, P. C. (2012). Changing human behavior to prevent disease: the importance of targeting automatic processes. Science (New York, N.Y.), 337(6101), 1492–1495. doi:10.1126/science.1226918
 

Smith, L. E., Just, D. R., & Wansink, B. (2010). Convenience Drives Choice in School Lunch Rooms: A Salad Bar Success Story. The FASEB Journal, 24(1 Supplement), 732-11.

 

Spill, M. K., Birch, L. L., Roe, L. S., & Rolls, B. J. (2010). Eating vegetables first: the use of portion size to increase vegetable intake in preschool children. The American journal of clinical nutrition, 91(5), 1237–1243. doi:10.3945/ajcn.2009.29139

 

Sunstein, C. R. (2015). Nudges, Agency, Navigability, and Abstraction: A Reply to Critics. Review of Philosophy and Psychology, Special Issue on Nudges, Forthcoming Preliminary draft, 1-21.

 

Thaler, R. H., & Sunstein, C. R. (2009). Nudge: Improving decisions about health, wealth, and happiness (Rev. and expanded ed.). New York: Penguin Books.

 

van Kleef, E., Vrijhof, M., Polet, I. A., Vingerhoeds, M. H., & Wijk, R. A. de. (2014). Nudging children towards whole wheat bread: a field experiment on the influence of fun bread roll shape on breakfast consumption. BMC public health, 14, 906. doi:10.1186/1471-2458-14-906

 

Wansink, B., & Hanks, A. S. (2013). Slim by design: serving healthy foods first in buffet lines improves overall meal selection. PloS one, 8(10), e77055. doi:10.1371/journal.pone.0077055 

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